2009 6 November

Eine Woche in Lebensgefahr

von Andreas Wehner

Sebastian Fritzsch hat am 29. Juni Geburtstag. 22 Jahre jung ist der Schiedsrichter vom SV Kottengrün in diesem Jahr geworden. Er zählt zu den größten Talenten in Sachsen. Doch der Junge feiert künftig ein zweites Mal Geburtstag. Denn am 15. Oktober 2009 wurde er noch einmal geboren. Auf der Straße zwischen Reuth und Thoßen. Dort verunglückte Fritzsch schwer. Er stieß in einer Kurve frontal mit einem Lkw zusammen. Ungläubig starrt sein Vater Udo auf die Unfallbilder. Nach drei Wochen Bangen und Hoffen, immer entlang am Rande des Nervenzusammenbruchs, sagt er: „Sebastian hatte die Flügel schon auf dem Rücken. Keiner hatte damals gedacht, dass er überleben wird. Er war quasi schon tot. Er ist dem Teufel noch einmal von der Schippe gesprungen”, erklärt er und wischt sich eine Träne aus dem Auge. Eine Träne der Freude und eine des Leids: „Unvorstellbar, was er jetzt durchmachen muss. Aber er lebt und nur das zählt.”

Eine Woche in Lebensgefahr

Die Knochenbrüche kann Vater Fritzsch gar nicht mehr aufzählen, weil nahezu alles gebrochen war: Arme, Beine, Schädel, Kniescheibe und und und. Meist zwei- und dreifach. Dazu kamen schwerste innere Verletzungen. Nach dem Unfall wurde er sieben Stunden im Plauener Vogtland-Klinikum notoperiert. Er bekam zehn Liter an Blutkonserven. Eine elend lange Woche kämpften die Ärzte um sein Leben - und er kämpfte mit unbändigem Willen mit. Für die Eltern und seine Freundin Katrin hieß es warten. Warten auf einen Fünkchen Hoffnung. Warten auf gute Nachrichten. Die Nerven waren oft überspannt. Sekündlich mussten sie mit dem Schlimmsten rechnen. Mit seinem Tod. Nach acht Tagen dann: Sebastian war über dem Berg. Er wurde am 22. Oktober aus dem künstlichen Koma geholt. Er hatte es überstanden. Die Lebensgefahr war gebannt. „So groß das Bangen war, so unglaublich befreiend war dieses Glücksgefühl”, so der Vater und wischt sie wieder eine Träne fort. „In diesem Atemzug möchte ich allen danken, die von der ersten Sekunde alles dafür getan haben, ihn zu retten. Vom Rettungsdienst auf der Straße bis hin zu allen Ärzten im Vogtlandklinikum, die Unmenschliches geleistet haben. Danken möchte ich allen Freunden, Bekannten und Fußballfans, die für ihn da waren. Er bekam E-Mails vom DFB, von den Schiedsrichter-Idolen Manfred Amarell, Lutz-Michael Fröhlich und Knut Kircher, von seinen Arbeitskollegen von Meiser Gitterroste in Oelsnitz und von vielen, vielen anderen. Und einer Person möchten wir alle ganz besonders danken und das ist Katrin, seine Freundin. Sie saß Tag und Nacht an seinem Bett. Sie war rund um die Uhr nur für ihn da. Das alles hat Sebastian auch die Kraft gegeben. Wer weiß, ob er ohne diesen großen Zuspruch überlebt hat”, so der Vater, dessen Erleichterung förmlich greifbar ist.

Ein langer Weg zur Gesundheit

Erinnerung an den Unfall selbst hat Sebastian Fritzsch keine mehr. Die sind weg. Und das ist sicherlich auch besser so. Jetzt kann er sich auf sein Leben danach konzentrieren. Von der Intensiv-Station im Vogtland-Klinikum ist er runter. Nun liegt er auf der Wachstation. Schon am Montag beginnt er mit der Reha. Er muss beinahe alles neu erlernen. Vor allem das Laufen. „Natürlich war es für ihn ein Schock, als er erfahren hat, was mit ihm passiert ist und was bei ihm alles kaputt ist. Aber von der ersten Sekunde an haben wir gespürt, dass er sich nicht bemitleidet, sondern dass er kämpft. Er will buchstäblich wieder auf die Beine. Er denkt schon wieder ans Arbeiten und ans Pfeifen”, lacht sein Vater. Bis dahin ist es noch ein weiter weg. An die Zeit bis dahin sollte er nicht denken, sondern nur an sich. Gesund werden, dass ist sein großes Ziel. „Alles andere ist nebensächlich. Er muss Geduld haben. Aber er hat den Mut und den Willen. Dass er lebt, ist für uns Eltern das schönste Geschenk, quasi wie seine Geburt. Und er weiß, dass wir alle hinter ihm stehen. Er wird seinen Weg gehen, auch wenn es kein leichter sein wird.” Thomas Nahrendorf (Vogtland-Anzeiger)